Platzangst – Zwischen offenen und geschlossenen Schubladen
Wir leben gerade in einer Welt, in der viele schlimme und unbeschreibliche Dinge geschehen, die unser Denken und (Er)Leben maßgeblich beeinflussen – in einer Zeit, in der Mauern und Grenzen oft schneller entstehen als Brücken. Gleichzeitig wird unsere Welt immer schneller. Informationen, Bilder und Begegnungen erreichen uns in Sekunden.
Doch je schneller die Welt wird, desto weniger Zeit scheint uns zu bleiben, innezuhalten, genauer hinzusehen und einander wirklich kennenzulernen.
Wir begegnen einem Menschen und bilden uns ein Bild von ihm. Ein Blick, eine Kleidung, ein Gesicht, ein Akzent, eine Geste – und schon beginnt unser Kopf, Zusammenhänge herzustellen. Aus wenigen sichtbaren Merkmalen entstehen Vorstellungen, aus Vorstellungen können Urteile werden und aus diesen schnell Schubladen. Herkunft, Geschlecht, Alter, sozialer Status oder Verhalten können leicht zu Kategorien werden, mit denen wir Menschen einordnen, noch bevor wir sie wirklich kennenlernen.
Doch Schubladen entstehen nicht nur durch die Art, wie wir andere betrachten. Auch unser eigenes Leben ist von Vorstellungen darüber geprägt, wer und wie wir sein sollen. Gesellschaftliche Rollen und Erwartungen begleiten uns: die gute Mutter, der erfolgreiche Mensch, der vorbildliche Arbeitnehmer, die unabhängige Frau, der stets perfektionistische Mensch. Sie geben Orientierung und versprechen Sicherheit. Und manchmal übernehmen wir diese Vorstellungen so selbstverständlich, dass wir kaum noch bemerken, wo die Erwartungen der anderen enden und unsere eigenen Wünsche beginnen.
So entstehen Grenzen nicht nur zwischen Menschen, sondern auch in uns selbst. Wir werden eingeordnet und ordnen ein. Wir werden betrachtet und betrachten uns selbst durch die Augen anderer. Vielleicht übernehmen wir irgendwann sogar die Schubladen, die für uns geschaffen wurden, und beginnen, sie für unser eigenes Bild von uns selbst zu halten.
Der Titel Platzangst trägt bewusst eine doppelte Bedeutung. Er verweist auf die Angst vor Enge und Begrenzung, aber auch auf die Angst vor dem Platz, den man innerhalb einer Gesellschaft bekommt. Einen Platz, der vielleicht schon festgelegt ist, bevor man überhaupt die Möglichkeit hatte, selbst zu entscheiden, wer man sein möchte. Meine Arbeiten bewegen sich in diesem Spannungsfeld – zwischen Wahrnehmung und Urteil, Zugehörigkeit und Abgrenzung, Anpassung und Selbstbestimmung, Fremdzuschreibung und dem eigenen Bild von sich selbst. Sie fragen danach, was verloren geht, wenn wir einen Menschen auf eine Kategorie reduzieren – und was geschieht, wenn wir beginnen, uns selbst nur noch durch die Erwartungen anderer zu sehen.
Platzangst versteht sich dabei nicht als eindeutige Antwort. Die Arbeiten laden vielmehr dazu ein, einen Moment länger hinzusehen. Den ersten Eindruck nicht sofort zum Urteil werden zu lassen. Die eigenen Schubladen und Grenzen wahrzunehmen – auch jene, die wir selbst geschaffen oder übernommen haben.
Vielleicht beginnt ein anderes Sehen genau dort, wo wir bereit sind, nicht sofort zu wissen, wer der andere ist – und auch nicht festlegen zu müssen, wer wir selbst sein sollen. Denn vielleicht braucht es in einer immer schneller werdenden Welt vor allem eines: mehr Zeit, einander wirklich zu sehen.



















